versprochen ist versprochen

28Jul06

ich habe einem sehr guten freund (sic!) mal versprochen, dass ich nach etwas suche, das ihm etwas über mich erzählt. unter einem stapel zettel habe ich doch etwas gefunden. entschuldigt, dass das mit bloggen nicht viel zu tun hat. entschuldigt bitte den langen text.
hase, das hier ist für dich (ja, die theatralik steht mir). ein anfang wäre gemacht.

Nach Hause oder Jede Ecke eine Erinnerung (2004)

Wie jedes Mal begrüße ich den Bären mit einem freundlich-aufmunternden Hupen, auch wenn es bereits halb vier Uhr morgens ist und ich eigentlich schlecht gelaunt bin. Die Heimfahrt hat mal wieder neun Stunden gedauert, und nun bin ich todmüde.

Nach dem Hallo für den Berliner Bären an der Stadtgrenze steigt meine Laune mit jedem Meter. Auf der kurzen Strecke auf der AVUS kommt einem der olle Funkturm immer näher. Hässlich isser, dieser kleine Möchtegern-Eiffelturm. Aber ein Zeichen der Heimat, also freue ich mich jedes Mal trotzdem ihn zu sehen, auch wenn meine Augen ob seines Anblicks tränen.
Den letzten Rest auf der Stadtautobahn wird geflogen. Die Geschwindigkeitsbegrenzung nervt nirgendwo so sehr wie hier auf den letzten Kilometern, und niemals sonst sage ich so voller Überzeugung wie jetzt bei meiner Ankunft in der Stadt: Boah geil, der Wedding! Er ist nun mal das erste, was ich sehe, wenn ich die Autobahn verlasse. Die Seestraße entlang wird die erste Berlin-Zigarette geraucht. Fenster runter, wen kümmern die Minusgrade, wir sind zurück, und das sollen alle hören. Also: Radio an und CD rein – Rituale soll man pflegen, also höre ich Seeed. Und dann gucken, was sich verändert hat. Nicht viel meistens. Nachts ist auch hier nicht viel los auf den Straßen, was mir aber gerade ganz recht ist. Ich bin sehr unkonzentriert, während ich die Sicht auf die gewöhnungsbedürftige Weddinger Architektur in vollen Zügen genieße und jede noch so häßliche Ecke mit einem liebevollen Lächelen bedenke. Ja Leute, die harte Realität: Das sind meine Vorstellungen von Romantik. Da bin ich eigen.

Da kommt der U-Bahnhof Osloer Straße: links runter geht’s nach Reinickendorf, wo meine Mutter mal gewohnt hat. Top Ten der Dinge, die ich nicht vermisse, Platz 10: Reinickendorf als Ganzes. Ein durchaus zu vernachlässigender Stadtteil. Mit der Ausnahme, dass Jens da wohnt und der liebe Torsten noch eine Wohnung in dem selben Haus hat, aber ich rede mir immer ein, dass die ja eigentlich schon im Wedding wohnen, oder besser noch, schon in Pankow. Besonders schlimm fällt Reinickendorf auf, wenn man mit der U-Bahn durchfährt oder auf den Einkaufsstraßen flaniert. Auch die Reinickendorfer Jugend ist nur bedingt liebenswürdig. Ihr erinnert euch vielleicht noch an Playboy 51? Genau so. Wie gesagt, Dinge, die ich nicht vermisse.
Übrigens, Platz 9: Die BVG. Schafft es nur auf Platz 9, weil die KVB in Köln auch nicht viel besser ist und somit die Unmöglichkeit der BVG nicht so schwer ins Gewicht fällt.

Am U-Bahnhof Osloer fällt die erste Entscheidung. Geradeaus fahren über die Bornholmer oder rechts runter über Gesundbrunnen? Diesmal gewinnt die Bornholmer, nachdem ich letztes Mal am Gesundbrunnen fast einen Unfall hatte. Platz 8: die Berliner Taxifahrer. Junge, der Typ hatte Nerven. Hatte mich seelenruhig mit Schrittgeschwindigkeit geschnitten, und wir, meine Mitfahrer und ich, waren uns einig, dass das Absicht gewesen war. Dinge, auf die ich für den Rest meines Lebens verzichten kann, Platz 3: Unfälle (insbesondere mit Taxifahrern nachts um zwei nach sechs Stunden Fahrt oder wahlweise auch nachts mit LKWs auf der A2).
Also geradeaus.

Auf der Osloer, der westlichen Verlängerung der Bornholmer Straße, finden sich fast ausschließlich diese komischen Westbauten in ihrem 50er-Jahre-Schick. Was die damals halt so schön fanden. Obwohl, wenn ich mir heute einige dieser neumodischen Mehrzweck-Zentren ansehe, wie das Haus auf der Frankfurter Allee, in dem die VHS Friedrichshain sitzt… auch heute versuchen offensichtlich noch einige Architekten, sich den Platz auf der Top Ten des schlechten Geschmacks streitig zu machen.
Kurz vor der Bornholmer Brücke, die gar nicht Bornholmer Brücke heißt, geht rechts eine Straße ab. Da hat Stephan mal gewohnt. Den habe ich bis auf einmal nie besucht, an diesem Mal hat er mir nämlich erzählt, dass in der Straße schon mal jemand erstochen wurde. Das war genug Information für mich, um dort nie wieder hinzufahren. Inzwischen ist aber auch Stephan umgezogen, irgendwo hin, wo noch niemand erstochen wurde. Dinge, auf die ich für den Rest meines Lebens verzichten kann, Platz 4: eine kriminelle Nachbarschaft. Auch wenn das nicht immer klappt – es war auch schwierig, in Köln-Ossendorf eine nicht-kriminelle Nachbarschaft zu finden.
Auf der Bornholmer Brücke, die gar nicht Bornholmer Brücke heißt, kann man ganz weit gucken. Nach links, Richtung Pankow und nach rechts bis zum Mauerpark und weiter.

Zack, Osten. Prenzlauer Berg. Der bekannteste Ostberliner Stadtteil wahrscheinlich. Mein Zuhause.
Auf der Bornholmer Straße kenne ich viel. Rechts in einem der Häuser haben Nora und ich uns mal eine Wohnung angeschaut, bevor wir in die Danziger gezogen sind. Die Wohnung war großartig, nur hat man sich andauernd an irgendwas gestoßen, so wenig Tageslicht gab es. Links in einer Seitenstraße, der Stavanger, hat Gödi mal gewohnt, in so einer modernen Wohnung, wie die meisten Zugezogenen sie toll finden. Nur war Gödi Berliner – und so war diese Wohnung der Anfang vom Ende. Mittlerweile hat er nämlich Berlin verraten und lebt jetzt in Hamburg (es sei ihm zugestanden, dass wenigstens was ordentliches aus ihm geworden ist). Merke: Die Wahl der Wohnung will bedacht sein, sie prägt Lebensstil und Einstellung, und womöglich endet man letztlich noch in München. Und wer will das schon. Dinge, auf die ich für den Rest meines Lebens verzichten kann, Platz 5: München.

Gleich nach der Stavanger links in einem Eckhaus haben der kleine Alex und seine beiden Mitbewohner gewohnt. Das war die erste Männer-WG, die ich kannte, und seitdem hatte ich vor, irgendwann mal nur mit Männern zusammnen zu wohnen. Die Jungs waren so locker, keine Stutenbissigkeit, kein Rumgezicke – und gute Parties. Ich habe lauthals protestiert, als die WG sich auflöste – genützt hat es nichts. Ebenso protestiert habe ich, als Olli aus seiner Wohnung – wiederum ein paar Häuser weiter – in eine noch größere Wohnung zog, um mit seiner Freundin seinen ersten Sohn großzuziehen. Seine Junggesellenwohnung war großartig, vor allem war sie groß. Sie bestand aus einer 1-Raum-Wohnung und einer ehemaligen Physiotherapiepraxis, weshalb es neben zwei Bädern, noch einer Toilette und einem Ankleidezimmer auch eine Sauna und eine Riesen-Dreiecksbadewanne gab. Der Umzug war einer der traurigsten, die ich miterlebt habe (und dank Ollis gesammeltem Schrott auch einer der anstrengensten). Traurig, denn schließlich läutete Ollis Umzug das Ende einer Party-Ära und den Beginn vom Rest seines Lebens ein.
In meinem Freundeskreis sollte niemand umziehen dürfen. Mir fehlen die Wohnungen der Leute viel zu sehr.

Und schon geht’s rechts ab, die Schönhauser Allee runter. Mit jeder Ampel, an der ich halte, fühle ich mich mehr zuhause. Links hat Nele mal gewohnt, zwei Straßen weiter wohnt Stefan, ein Ex-Freund von Jessi. Rechts liegt das nordische Viertel. In der Malmöer kannte ich mal jemanden.
Die Schönhauser Allee Arcaden links. Ja, mit „c“. Wir sind modern hier im Osten. In der Thalia-Buchhandlung dort bin ich für mein Leben gern, die führen viele Bücher Berliner Autoren. Zwei von denen, Jochen Schmidt und Andreas Gläser, haben in der Thalia mal vorgelesen, da waren Steffi und ich natürlich dabei und haben versucht uns intellektuell zu geben. Aber Jochen hatte das bestimmt durchschaut und geahnt, dass wir (also Steffi) wegen ihm da waren. Laut Steffi wippt niemand beim Vorlesen so schön vor und zurück wie Jochen.
Im Handy-Shop unten am Eingang hab ich 1999 meinen ersten Handy-Vertrag abgeschlossen. Und gleich daneben ist der H&M , in dem wahrscheinlich halb Prenzlauer Berg und Pankow einkaufen. Und in dem der doofe „Holger mit den Patschehändchen“ arbeitet, den ich dann immer grüßen muss, weil ich ihm hier nicht aus dem Weg gehen kann wie auf der Straße oder beim Tanzen. Und Holger grüßt dann ebenso widerwillig und genervt zurück. Irgendwann entwickelt man ja eine für beide Seiten erträgliche Mischung aus Höflichkeit und Ignoranz. Dinge, die ich nicht vermisse, Platz 9: Holger.
Von da aus kommen wir direkt zur Top Ten der Dinge, die ich sehr wohl vermisse. Gegenüber ist nämlich der weltbeste Kettwurst-Stand, nicht zu verwechseln mit dem weltbesten Currywurst-Stand einen Kilometer weiter. Also Platz 10: die Kettwurst vom Alain-Snack.

Kurzer Halt an der Ampel am Colosseum, DEM Prenzlauer Berger Multiplex, in dem morgens um vier auch nichts mehr los ist. Ich fahr noch in die Alte Kantine zum Tanzen. Oder doch lieber in den Duncker zu Janek? Ach Unentschlossenheit, unglückselige. Rechts in der Gleimstraße hatte ich das beste Praktikum überhaupt. Eine Ecke weiter mein Lieblings-Internetcafé. Gehört zum Teil dem Slater, der mich jedes Mal, auch nach all der Zeit, noch fragt: „Na, wie geht’s meiner Traumfrau?“, und damit nicht mich, sondern Jessi meint, die sich kaum noch hin traut.

Nun aber mal Endspurt. Und Gummi bis zur Eberswalder. Über die Kreuzung Eberswalder / Schönhauser / Kastanienallee / Pappelallee, eine der leider gefährlichsten Kreuzungen im Bezirk.
Auf der Kastanienallee hat Björn früher gewohnt, bei dem ich mich immer, wenn ich hier bin, frage, wie’s ihm geht. Ich glaube, seine Eltern wohnen noch immer hier.
Vorbei an Konnopke’s, der die weltbeste Currywurst hat und unter Umständen auch verkauft. Hier treffen sich Bauarbeiter und Bundeskanzler zum gemütlichen Mittagstisch unter der U-Bahn, die hier überirdisch in ungefähr vier Metern Höhe rattert.

Endlich. Angekommen. Zuhause. Ich gehe noch ein bißchen in der Alten Kantine tanzen. Und mich freuen, mal wieder nach Hause zu kommen.

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