die große leere.

05Jul06

der gute björn ghostdog19 hat in speaker’s corner einen wirklich sehr schönen text über das thema des tages, ach was sag ich, das thema schlechthin geschrieben. mit seiner freundlichen genehmigung: 

die große leere 

2 Minuten. 2 Minuten haben gefehlt. 2 Minuten haben den Unterschied gemacht zwischen grenzenloser Euphorie und tiefer Depression. 2 Minuten zwischen Elfmeterschießen (und dem fast sicheren Sieg für Deutschland) und der niederschmetternden Realität.
 
Italien hat verdient gewonnen. Denn sie waren diesen einen entscheidenen Pass besser, als die Deutsche Nationalmannschaft. Der tödliche Pass von Pirlo gegen die abwartenden Abwehrspieler in Weiss hat den Unterschied gemacht. Grosso schießt so ein Tor genau einmal in seinem Leben. Dass es ausgerechnet heute war, muss wohl Schicksal sein. Ausschlaggebend aber war der Pass von Pirlo auf Grosso, der die Niederlage besiegelte.

Auf diesem hohen Niveau – und das ist nicht nur eine blöde Phrase – machen solche Kleinigkeiten den Unterschied aus. Kurz bevor Pirlo den Pass auf Grosso spielte, hatte er bereits eine große Torchance, als er mit links aus etwa 21 Metern abzog und Lehmann zu einer Parade zwang. Diese Aktion könnte der Grund dafür gewesen sein, dass die Abwehrspieler eine Minute später nicht mit aller Macht auf Pirlo losgestürmt sind, um ihm den Ball abzunehmen. Er ist jederzeit in der Lage, einen Gegenspieler auszuspielen, einen überraschenden Torschuss abzugeben, oder – wie geschehen – einen tödlichen Pass zu spielen.

Man kann fast sagen, dass 5 Sekunden der Unentschlossenheit deutscher Fussballer dafür verantwortlich sind, dass die Euphorie eines ganzen Staates auf einmal wie weggeblasen ist. Und das bedaure ich. Denn diese Deutsche Mannschaft hat mich und etwa 80 Millionen Deutsche drei Wochen lang begeistert. Sie haben unsere Herzen berührt mit ihrem wundervollen und offensiven Spiel. Sie haben das ganze Land an einen Traum glauben lassen, an den gleichen Traum. Und sie haben das Land der Pessimisten und Nörgler vereint, so wie es in den letzten 16 Jahren kein Politiker in der Lage war. Sie haben mit harter und ehrlicher Arbeit, aber auch Kreativität und Fortschrittlichkeit, ein ganzes Land hinter sich gebracht, wie es 1954 wohl auch nicht besser war.

Danke Jürgen Klinsmann.

Durch Klinsmanns mutige und fortschrittliche Denkweise ist aus dem Sorgenkind der Deutschen Fussballfans eine in der Welt angesehene und für seine Spielweise respektierte Deutsche Mannschaft entstanden. Weltweit wird nicht mehr nur der ergebnisorientierte Rumpelfussball vergangener Weltmeisterschaften kritisiert. Klinsmann hat Stürmer ausgewechselt und neue Stürmer gebracht, wenn Völler oder andere Trainer zuvor Mittelfeldspieler oder Abräumer eingewechselt hätten. Klinsmann hat Odonkor mitgenommen, von dem selbst ich nicht viel gehalten habe, und der alle Fans mit seiner engagierten Spielweise mitgerissen hat. Wenn man von der Deutschen Nationalmannschaft spricht, dann spricht man über den besten Fussball, der bei dieser WM gespielt wurde. Kein anderes Weltklasseteam hat so konsequent mit zwei Stürmern und drei weiteren offensiven Mittelfeldspielern gespielt. Der mir absolut unverständliche Trend ging hin zu einem Stürmer und einem offensiven Mittelfeldspieler, wie es die Italiener heute bis zur Verlängerung gespielt haben, wie es die Engländer bis zu ihrem Viertelfinalaus gespielt haben, wie es Portugal spielt oder wie es die Franzosen spielen. Durch diese Taktik wird die WM als eine der spielerisch schwächsten in Erinnerung bleiben. Zum größten Teil haben die schwachen Spiele von der wunderbaren Stimmung in allen WM-Stadien gelebt. Leider wird es aber so sein, dass diese Ein-Mann-Sturm-Taktik Erfolg hat, denn der zukünftige Weltmeister, sei es Italien, Frankreich oder Portugal wird mit eben solcher Aufstellung ins Finale gehen.

Nicht so unsere begeistert spielende und aufopferungsvoll kämpfende Deutsche Mannschaft. Mit ihr hat sich ganz Deutschland als ein wunderbarer Gastgeber präsentiert, der Weltoffenheit und Fröhlichkeit propagiert und die Fans aus aller Welt mit offenen Armen empfangen hat. So aggressiv und offensiv das Team von Klinsmann auf dem Feld war, so freundlich und fröhlich waren die Millionen von Fussballfans in ganz Deutschland.

„Deutschland ist wieder wer.“ War dieser Spruch bisher immer negativ behaftet, weil es doch eine gewisse Anlehnung an die Vergangenheit beinhaltete, kann man nun sagen, dass sich das Bild des akkuraten, aber langweiligen und negativen Deutschen in der Welt um 180 Grad gewendet hat. Dieser Imagewechsel ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Keine britische Boulevardzeitung kann nun noch allen Ernstes von „Deutschen Panzern“ oder „Blitzkrieg“ schreiben, wenn sie über Deutschland berichtet, denn die Leser konnten sich ihr eigenes Bild machen. Und wir Deutschen haben uns vorbildlich präsentiert, was uns auf viele Jahre noch nachgesagt werden wird – Die Welt zu Gast bei Freunden.

Es fällt mir unendlich schwer, zu diesem Zeitpunkt eine Art Resumé der WM zu ziehen. Viel lieber – und unter anderen Vorzeichen – hätte ich diesen Text am Sonntag oder Montag geschrieben. Natürlich hätte es die Deutsche Nationalmannschaft verdient, ins Finale einzuziehen, aber leider haben es die Italiener auch verdient. In ein WM-Finale zieht man nicht unverdient ein.

Ich habe noch nie in meinem Leben – und ich bin ein riesiger Fussballfan – so sehr mitgefiebert und mitgelitten, wenn meine Mannschaft gespielt hat. Auch ich wurde von der Euphorie mitgerissen und hatte vor jedem Spiel Herzklopfen, als wäre ich selbst auf dem Rasen. Ich habe mir das erste Mal in meinem Leben Deutschland-Fahnen gekauft. Ich habe so laut geschrien, wie noch nie bei Fussballspielen zuvor. Ich war noch nie so heiser wie nach dem gewonnenen Elfmeterschießen gegen Argentinien. Und ich war noch nie so aufgeregt, wie vor dem Eröffnungsspiel. Dafür möchte ich der Deutschen Nationalmannschaft danken. Auch wenn es nicht für das Finale gereicht hat, bin ich wirklich stolz, ein Deutscher und Fan dieser Nationalmannschaft sein zu dürfen. Und wenn es dieses Mal nicht gereicht hat, dann gewinnen wir eben die EM 2008 und die WM 2010. Eine große Mannschaft dafür haben wir schon.

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One Response to “die große leere.”

  1. 1 alex krycek

    eins ist klar. an ghostdog 19 lag´s nicht. der junge hat sein bestes gegeben 🙂
    „der ergebnisorientierte Rumpelfussball vergangener Weltmeisterschaften“ wäre mir aber ehrlich gesagt lieber gewesen. schön spielen und verlieren macht keinen spaß 😦
    italien wird verdient weltmeister.


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