nur in deinem kopf

12Jun06

liebe annette,

wir kennen uns wahrscheinlich seit ich ungefähr elf jahre alt war. lange jahre warst du mamas beste freundin. wir waren oft zusammen im urlaub, oft haben wir dich auch zuhause besucht. im zimmer von jana, deiner tochter, habe ich immer „der prinz von bel-air“ geschaut. ich war immer sehr gern bei dir, wußtest du das?
wir, besonders mama, haben mit dir alle möglichen deiner höhen und tiefen durchlebt. deine jahrelange beziehung zu albert, eure trennung, deine nächsten beziehungen, die immer unverständlicher wurden.

du warst schon immer ein bißchen anders. komisch eben. eine sehr herzliche frau, offen und strahlend, wenn du gut gelaunt warst. ziemlich attraktiv, fand ich immer. aber irgendwas war seltsam.
deine launen schwankten oft auf unergründliche weise. du warst immer leicht depressiv – zumindest sank deine laune immer schnell in seltsame tiefen ab, die wir nicht verstanden. ich dachte immer, du wärest einfach irgendwie… eigen. ich mochte dich sehr.

vor einigen jahren, mama und du hattet noch einen regelmäßigen, aber nicht mehr so engen kontakt, fing es an, dass du immer seltener zur arbeit gingst, immer öfter krank warst. oder zumindest glaubtest es zu sein. die geschichten, die du erzähltest, wurden immer abstruser mit der zeit. immer unglaubwürdiger.
mama meint heute, dass das wahrscheinlich der beginn deiner schweren krankheit war.
die für uns erschreckendste situation ereignete sich irgendwann im letzten jahr. mama telefonierte mit dir wie üblich, als du auf einmal wirr erzähltest, du seist schwanger. mama versuchte dir zu sagen, dass das sehr unwahrscheinlich sei, da du immerhin schon ende fünfzig bist. du behauptetest aber immer wieder, dass dem so sei und auch dein arzt dir das schon bestätigt hätte. das telefonat dauerte sehr lange. mama war hinterher sehr besorgt, weil sie dich nicht mehr verstand. zwei tage später rief sie dich noch einmal an – und du wußtest von nichts mehr. du entschuldigtest dich lange. die sorgen um dich blieben.

kurze zeit später rief uns deine tochter jana an und erzählte uns von deiner schweren krankheit. du bist an der pick-demenz erkrankt, eine degenerative hirnerkrankung wie alzheimer, ohne chance auf linderung oder heilung. du weißt von all dem nichts. du begreifst es nicht mehr. du lebst dein leben wie vorher, glaubst du – nur, in deinem kopf verändern sich zellen, in deinem kopf laufen die dinge anders als bisher. du wirst nach und nach angelernte verhaltensweisen verlernen. vergessen, wie dein leben war. irgendwann dich nicht mehr selbst versorgen können. nur in deinem kopf wird alles normal, wie immer sein. außer dass genau dort alles nicht mehr wie immer ist.

ich wünsche dir von herzen, dass deine letzten jahre trotzdem… schön werden. und dass du in würde sterben darfst. aber ich befürchte, dass dir das nicht vergönnt sein wird.

alles liebe.

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über die pick-demenz

Frontotemporale Demenz

Die Frontotemporale Demenz ist eine Krankheit, bei der der Abbau von Nervenzellen zunächst im Stirn- und Schläfenbereich (Fronto-Temporal-Lappen) des Gehirns stattfindet. Von hier aus werden u.a. Emotionen und Sozialverhalten kontrolliert.

Frontotemporale Demenzen treten normalerweise früher auf als die Alzheimer-Krankheit, meistens schon zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr oder früher. Die Spanne ist sehr groß (zwischen 20-85 Jahre).

Bei fast allen Patienten fallen zu Beginn der Erkrankung Veränderungen der Persönlichkeit und des zwischenmenschlichen Verhaltens auf. Dazu zählen insbesondere Aggressivität, Taktlosigkeit, maßloses Essen aber auch Teilnahmslosigkeit. Im Verlauf der Erkrankung entwickeln sich Störungen der Sprache, die sich in Wortfindungsstörungen, Benennensstörungen, Sprachverständnisstörungen und fehlendem Mitteilungsbedürfnis bis zum völligen Verstummen äußern. Im weiteren Verlauf kommt es zur Beeinträchtigung des Gedächtnisses, die lange Zeit aber nicht so stark ausgeprägt ist, wie bei der Alzheimer-Krankheit.

Die Diagnostik der Frontotemporalen Demenz kann schwierig sein. Weil zu Beginn der Erkrankung Veränderungen der Persönlichkeit und des Verhaltens im Vordergrund stehen, kommt es nicht selten zu Verwechslungen mit psychischen Störungen wie Depression, Burn-out-Syndrom, Schizophrenie oder Manie.

Die Betroffenen zeigen in der Regel kaum Krankheitseinsicht oder Therapiemotivation.

Weil die Vorgänge, die zum Nervenzelluntergang führen, zum größten Teil nicht bekannt und nicht beeinflussbar sind, gibt es bisher allerdings auch keine gezielten Therapiemöglichkeiten. Die medikamentöse Behandlung zielt derzeit darauf ab, die Verhaltensauffälligkeiten der Patienten zu mildern.

Das Zusammenleben mit einem Patienten, der an einer Frontotemporalen Demenz leidet, bedeutet für die Angehörigen eine enorme Belastung. Vor allem sind es die Verhaltensauffälligkeiten, besonders Aggressionen, enthemmtes Verhalten und Unberechenbarkeit der Patienten, die den Angehörigen zu schaffen machen.

[Quelle: www.deutsche-alzheimer.de]

Ein ausführlicher und erschreckender Verlaufsbericht über die Pick-Demenz findet sich hier.


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